Apps im Test: The Daily

Kritiken über „The Daily“ waren anfangs eine Gratwanderung: Wer die Zukunft von Tabletzeitungen allzu euphorisch sah, wurde von Konservativen bezichtigt, die gedruckten Zeitungen tot zu schreiben. Wer allzu düster schrieb, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, fortschrittsfeindlich zu sein. Mittlerweile, gut ein Jahr nach dem Start von „The Daily“ auf dem iPad, scheint das mit vielen Vorschusslorbeeren und prominenter Unterstützung durch Apple gestartete Zeitungsprojekt vor allem auf Gleichgültigkeit zu stoßen. In der Welt der Medien spielt „The Daily“ keine große Rolle. Beschäftigte die App vergangenes Jahr noch wochenlang die Blogger, ist nach zwölf Monaten nur wenig über das Jubiläum zu lesen. Zwar sind durchschnittlich 120.000 Nutzer pro Woche (Bloomberg-Bericht) keineswegs ein Misserfolg. Doch als Ziel, um die Profitgrenze zu erreichen, wurden seinerzeit 500.000 Nutzer angegeben.

Die erfreuliche Erkenntnis daraus ist wohl, dass selbst das immense Kapital der News Corp. von Rupert Murdoch und der große Einfluss seines Imperiums einen Erfolg nicht erzwingen können. Der Entscheider ist immer noch der Nutzer.

Doch der Erfolg bzw. Misserfolg von „The Daily“ ist keine Randnotiz der Geschichte. Wäre „The Daily“ ein riesiger Erfolg, hätte dies die Tabletmedien deutlich nach vorne gebracht. Andere, besonders große Verlage haben sich sehr wohl angesehen, wie gut das amerikanische Projekt funktioniert. Zwar gibt es immer noch neue Apps von etablierten Medien, doch Goldgräberstimmung scheint in der Branche nicht zu herrschen.

Wir haben uns die Entwicklung von „The Daily“ für diese Rezension über mehrere Monate angesehen.

Inhalt: Typisch amerikanisch mit viel leichter Kost
Nutzer in Deutschland mussten lange warten, bis „The Daily“ offiziell auch in ihrem App Store auftauchte. Erst im September, sieben Monate nach dem US-Start, war die App international verfügbar. Möglicherweise spielten Lizenzfragen dabei eine Rolle: „The Daily“ verwendet Material von Nachrichtenagenturen, die ihre Texte und Bilder nicht immer für die ganze Welt freigeben. Eine Erklärung dafür gab es nie. Doch wer sich den Inhalt einmal genauer ansieht, wird schnell merken, dass „The Daily“ keine Ambitionen hat, eine Zeitung für die gesamte Welt zu sein. Wie in amerikanischen Print-Publikationen ist der Inhalt typisch amerikanisch: Ein paar News, etwas Boulevard, große Überschriften und viel Bildmaterial. Dazu eine Weltsicht, die sehr Amerika-zentriert ist. Für deutsche Nutzer ist die iPad-Zeitung somit kein vollwertiger Ersatz, wohl aber mitunter eine Bereicherung, weil man mal eine ganz andere Sicht der Dinge zu lesen bekommt. Die Texte sind sehr kurz geschrieben, was zum einen natürlich dem Medium geschuldet ist, zum anderen aber in Amerika auch in Print-Zeitungen keine Seltenheit ist. Lange Reportagen à la „Seite drei“ (Süddeutsche Zeitung) sind dort eher die Ausnahme.

Aussehen/Benutzerfreundlichkeit: Vom iPad her gedacht
Wenn es nicht „The Daily“ hinbekommt, ein ansprechendes Design fürs Tablet zu bieten, wer dann? Als reine iPad-Zeitung wird die gesamte Multimedia-Klaviatur bedient – und das täglich. Angefangen mit dem Briefing, einem kurzen Videoclip, in dem die Themen des Tages in einer Art Editorial besprochen werden, bis hin zu interaktiven Infografiken, die mittels Scrolling auch schon mal über die Anzeigefläche hinausgehen. Angenehm ist, dass neue Ausgaben im Hintergrund geladen werden, während der Nutzer schon einmal mit dem Lesen beginnen kann. Leider kommt das iPad dabei aber mitunter an seine Grenzen und die Bedienung der App wirkt während des Ladens ruckelig.

Die Steuerung der App ist sehr übersichtlich. Es wird viel mit Gestensteuerung gearbeitet, während ein Fortschrittsbalken (oben) ständig anzeigt, wo sich der Nutzer in der Ausgabe gerade befindet. Die Ressorts News, Wirtschaft, Boulevard, Kunst/Leben, Apps/Tech und Sport sind über Rubrikenreiter schnell aufrufbar.

Kosten/Nutzen: Spottbillig, wenn wirklich gelesen wird
„The Daily“ kostet aktuell 79 Cent pro Woche oder 31,99 Euro pro Jahr. Das ist spottbillig, vorausgesetzt natürlich, das Abo wird auch wirklich ausgenutzt. Einen Einzelkauf von Ausgaben gibt es leider nicht. Gelegentlich gibt es zu Promotionzwecken aber kostenlose Ausgaben.

Produktion: Unbekannte Eigenentwicklung
Über das zugrunde liegende Redaktionssystem ist im Netz nichts zu finden. Sicher ist, dass „The Daily“ zielgerichtet für iOS entwickelt wurde, weil viele native Funktionen enthalten sind. Mittlerweile gibt es in den USA zwar auch eine Androidvariante, der Schwerpunkt bleibt jedoch die Apple-Welt.

Fazit
Liegt es nun daran, dass Nutzer technisch nicht bereit sind, eine Zeitung nur digital zu lesen, dass „The Daily“ nicht seine erhofften Nutzerzahlen erreicht hat? Oder ist es eine Frage des Inhalts?  Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Daran, dass die Potenziale des iPads nicht genutzt werden, liegt es zumindest nicht. Aber wenn sich die erste Faszination gelegt hat, stellt sich dem Nutzer rasch die Frage, ob dieses Multimedia-Feuerwerk wirklich ein Mehrwert ist.

„The Daily“ legt einen Schwerpunkt auf die Darbietung der Inhalte. Ob der Nutzer das aber in täglicher Erscheinungsweise wirklich benötigt, ist so eine Sache. Die Konkurrenz durch RSS-Reader, die alle wesentlichen Nachrichten auf das iPad transportieren, ist groß. Sie sind der Gegenentwurf zu „The Daily“. Momentan scheinen sie noch die Nase vorn zu haben.

Link zur App im App Store

Hinweis: In der Reihe „Apps im Test“ ist bisher außerdem eine Rezension über RP plus erschienen.

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