Google Reader: Ende mit Schrecken

Google macht seinen Reader-Dienst im Sommer dicht. Alles kein Problem, trompetet die Fachpresse. Doch auch wenn es längst schönere Programme für RSS-Feeds gibt, bleibt doch eine Lücke: Kaum eine Lösung ist cloud-fähig. Und für die wenigen, die es sind, gibt es keine Apps.

Das größte Missverständnis in der ganzen Debatte um den Google Reader ist die Reduzierung des Dienstes auf ein Programm zum Lesen von News-Feeds. In Wirklichkeit nutzt wahrscheinlich nur ein Bruchteil der Nutzer das in die Jahre gekommene Webinterface des Google Reader. In Wirklichkeit war Google mit seinem Reader nämlich den Clouds dieser Welt einen Schritt voraus: Es war eine Plattform, um seine RSS-Feeds auf verschiedenen Geräten synchron zu halten. Genau deshalb war es bei so vielen Apps eine Voraussetzung für den Betrieb. Der Reader war Gold wert.

Genau das fehlt ab Sommer. Und eine griffige Alternative ist nicht in Sicht. Wer für 30 US-Dollar Fever auf seinem eigenen Webserver installiert, erhält bestenfalls einen Abklatsch des Google Reader. Das Feature, heiße Themen besonders hervorzuheben, ist zwar nett. Für den täglichen Nachrichtenkonsum ist es jedoch belanglos. Aggregatoren wie Techmeme und Filtr können das längst viel besser. Sie sind aber kein Ersatz für RSS-Reader, die ja individuelle Vorlieben ermöglichen.

Die Sorge von Kai Biermann auf Zeit Online, dass das offene Internet nun am Ende ist, bleibt natürlich auch bei genauerer Betrachtung Unfug. Zum einen war und ist Google niemals ein Synonym für Offenheit gewesen. Ansonsten würden wohl kaum hochwertige Blogs in der Google-Suche unter den Tisch fallen, während eine ganze Branche von SEO-Schreihälsen sich Top-Rankings herbeimanipuliert.

Auch ist der RSS-Standard als solches nicht gefährdet. Soziale Netzwerke sind nicht ansatzweise eine Alternative, zumal Facebook ja auch meint, seine Nutzer in punkto Relevanz in der Chronik bevormunden zu müssen, was dazu führt, dass Facebook vollkommen ungeeignet ist, einen umfassenden Nachrichtenüberblick zu gewinnen.

Nein, das Problem ist stattdessen, dass eine riesige Lücke entsteht.

Es braucht dringend eine neue Plattform, die mittels API offen für möglichst viele Apps und Webdienste ist.

Google nimmt die einzig belastbare RSS-Cloud vom Netz – das ist das Problem. Und eine gute Lösung ist nicht in Sicht. Die Zeit wird knapp.

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