Krautreporter

KrautreporterDer Countdown läuft: Bis zum 13. Juni wollen die Krautreporter 15.000 Menschen überzeugen, für 60 Euro Jahresmitgliedschaften abzuschließen, damit das neue journalistische Format an den Start gehen kann. Zumindest so viel lässt sich drei Tage vor dem Ende der Sammlung sagen: Auf Anhieb und weit vor Ablauf der Frist ist dies nicht gelungen. Woran kann das liegen?

Bei der Suche nach einer Antwort, stellt sich mir zunächst eine zentrale Frage: Was ist eigentlich das Produkt?

Die Antwort auf diese Frage wird auf der Krautreporter-Seite zwar ausführlich umschrieben. Aber der Ruf nach mehr Hintergrund, weniger Werbung und mehr Inhalt ist so alt wie der Onlinejournalismus selbst. Vielleicht hängt mein Unglaube auch einfach damit zusammen, dass ich es momentan noch für schwer vorstellbar halte, dass die hochgefeierten Redaktionsmitglieder von Krautreporter, die vielfach heute schon für die größten Medien dieses Landes schreiben, mehr hervorzubringen vermögen, als sie jetzt schon ihren Lesern, Hörern und Zuschauern bieten. Oder werden sie als zumeist freie Journalisten dermaßen von ihren Auftraggebern „unterdrückt“, dass sie derzeit weit unter ihrem Potenzial arbeiten?

Zumindest ist das, was von einigen der genannten Krautreporter-Redaktionsmitglieder heute schon zu lesen ist, keineswegs schlechter Journalismus, ergo besteht also eigentlich – bezogen auf diesen Personenkreis – gar keine so große Not, wie sie auf der Seite umschrieben wird, die eigenen Ideen in Publikationen umzusetzen. Vielleicht wäre mein Pioniergeist, die Krautreporter zu unterstützen, größer, wenn es sich nicht um jene journalistische Elite handeln würde, von der ich manchmal den Eindruck habe, dass sie sich auch gerne selbst inszeniert. Vielleicht braucht es aber auch dieser Namen als Aushängeschilder, um so ein Projekt überhaupt ins Rollen zu bringen.

Wenn ich in der Vergangenheit eine Zeitung abonniert habe, dann deshalb, weil ich von dem Produkt nach einigen Wochen im Einzelverkauf begeistert war. Und nicht, weil die Redakteure mir in Videos erklären, was sie gerne machen würden, wenn sie nur könnten.  Vor diesem Hintergrund wäre es durchaus spannend zu sehen, was jene, die sich gerne als Kritiker über andere erheben, selbst besser machen, wenn sie das Ruder übernehmen. Und absolut begrüßenswert ist der Vorstoß, eine Bezahlkultur für Journalismus einzuführen, denn nur von Klicks und lobenden Worten können diejenigen, die Journalismus hauptberuflich beitreiben, nicht leben – zumindest darin herrscht übergreifend Konsens (die Mehrzahl der Onlineleser mal ausgenommen).

Aber Journalismus ohne unternehmerisches Risiko hat es (außer bei den Öffentlich-Rechtlichen) nie gegeben. Gerade in der Onlinewelt, in der viele Projekte zunächst ohne Gewinnaussichten mit Venture Capital an den Start gehen, erscheint es mir sehr merkwürdig, dass es in diesem Fall nicht gehen soll. Das Risiko tragen im Falle der Krautreporter die Leser, weil sie 60 Euro für etwas investieren, dessen Ausgang vollkommen ungewiss ist. Der Idealismus der Krautreporter reicht augenscheinlich nur so weit, wie die Nutzer in Vorleistung gehen. Wirklich überzeugend wirkt das nicht.

Und ein weiterer Verdacht drängt sich mir auf: Das Crowfundingkonzept bei den Krautreportern scheint ein Stück weit darauf ausgerichtet zu sein, dass am Ende dieses Sammelprozesses immer die anderen Schuld sind. Gelingt es, 15.000 Leute zu finden, wird dies wahrscheinlich als Beleg gefeiert, dass die traditionellen Medien ein Problem haben (ein Vorwurf, den einige der Reporter schon heute ständig als Dauerbeschallung in sozialen Netzwerken formulieren). Kommen die 15.000 nicht zusammen, sind wahrscheinlich die Onlinenutzer diejenigen, denen der Schwarzen Peter zugeschoben wird, weil sie gutem Onlinejournalismus keine faire Chance geben. An den Machern liegt es selbstverständlich auf keinen Fall.

Es fällt mir schwer, unter diesen Vorzeichen das Projekt zu unterstützen. Ich bin noch am Überlegen.

3 Antworten auf „Krautreporter“

  1. Okay, und was wirfst Du dem Projekt Krautreporter nun konkret vor? Dass die Idee Journalismus ohne Werbung anzubieten nicht neu ist? Dass Dir einige der Journalisten bereits bekannt sind? Dass das Krautreporter-Projekt nicht in Vorleistung gehen will, um vorab zu zeigen, was sie vorhaben? Dass man mit 60 Euro für ein Jahr als Leser ein zu hohes Risiko trägt?

    Das ist doch unausgegoren. Du möchtest etwas, von dem Du genau weisst, dass es das nicht gibt. Ein Projekt von Journalisten, die keiner kennt, die aber trotzdem total guten Journalismus machen. Erstmal natürlich für lau, damit man als Leser kein unnötiges Risiko eingeht. Aber natürlich auch ohne Werbung. Und irgendwann gibst Du denen dann Geld, für Inhalte, die Du bis dahin umsonst lesen konntest, ausser Du findest noch irgendeine Kleinigkeit, die Dich stört (was ich für recht wahrscheinlich halte).

    Soso.

  2. Lieber Malte Kirchner,
    ich kann nur für mich sprechen, und bei mir ist es so: Es fällt mir zunehmend schwerer, als freier Journalist mein Geld zu verdienen, weil ich darauf angewiesen bin, viele kleine Texte zu schreiben, da die Honorare z.B. bei Online-Medien sehr überschaubar sind. Lange Recherchen werden in meiner täglichen Arbeit immer seltener. Dabei bin ich auch dafür mal Journalist geworden: um Themen von Grund auf verstehen zu lernen, mit Leuten zu reden, all das an meine Leser zu vermitteln. Ich mag das schnelle journalistische Arbeiten. Aber jede lange Recherche ist schon jetzt mein ganz privates „wirtschaftliches Risiko“, weil ich sie querfinanzieren muss, indem ich Zeit investiere und auf andere Aufträge verzichte. Als Leser sieht man das natürlich nicht so leicht, aber: Viele (freie) Journalisten gehen tagtäglich ins Risiko, arbeiten länger an einer Geschichte als es wirtschaftlich vernünftig wäre, recherchieren doch mal das Thema, das vielleicht gar keinen Abnehmer findet – weil sie, wie die meisten Journalisten, die diesen Job mit Leidenschaft machen, gute Texte abliefern wollen.
    Was mich überzeugt hat, bei Krautreporter mitzumachen, war die Idee, dass da ein Online-Medium entstehen könnte, das seinen Autoren sagt: Nehmt euch Zeit, zu verstehen, und genauso viel Zeit, um zu vermitteln. Redet mit denen, die euch lesen! Macht das mit Ruhe, macht das ohne den Druck, unter dem eure Arbeit sonst steht.
    Wenn das nicht klappt, dann hat das verschiedene Gründe, die ja bereits jetzt sehr intensiv analysiert werden. Ich hoffe, dass da niemandem ein „Schwarzer Peter“ zugeschoben wird.
    Ich glaube aber: Es ist nicht so, dass das einfach alles immer so weitergeht. Natürlich gibt es in vielen Medien noch großartigen Journalismus, und natürlich schreiben viele, die bei KR dabei sind, auch in andere Medien – weil wir ja unser Geld damit verdienen. Ich bin mir nur nicht mehr sicher, dass ich das auch in zwei Jahren noch kann, wenn wir nicht versuchen, zusammen die Umstände zu ändern. Ich kann das einfach alles nicht mehr sehen, das ewige Livegetickere, die Heftig-Überschriften, die Quizze und Boulevardtexte. Es ist ja okay, wenn es das zur Unterhaltung weiterhin gibt. Aber ich fänd’s großartig, wenn auf der anderen Seite noch Medien existierten, die das weglassen und etwas anderes versuchen. (Im Idealfall wäre KR nur der Anfang.)
    Aber das ist jetzt tatsächlich eine sehr persönliche Perspektive. Viele Grüße – und natürlich würde ich mich freuen, wenn du dabei wärst.
    Peer

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