iPhone 6 / iPhone 6 plus im Test: Eine Frage des Formats

Das iPhone 6 (li.) und das iPhone 6 Plus. Foto: (c) Apple
iPhone 6 (li.) und  iPhone 6 plus.

Größe war bei den Mobiltelefonen jahrelang verpönt. Immer kleiner zu werden, das war das erklärte Ziel der Hersteller. Die ersten Handys, wenn man sie denn aus heutiger Sicht noch so nennen mag, waren klobig, groß und unhandlich. Rund um die Jahrtausendwende waren dann die Klapphandys groß in Mode. Bildschirm und Tastatur waren eh schon klitzeklein. Indem man sie praktisch zusammenklappen konnte, konnte die Gerätegröße noch einmal um die Hälfte reduziert werden (wenn auch mit Abstrichen bei der Tiefe).

14 Jahre später geht die Entwicklung in die umgekehrte Richtung. Mit den Smartphones wurden die Mobilgeräte wieder größer, da das mobile Internet nur ab einer bestimmten Bildschirmgröße Freude bereitet. Dafür wurde die Hardwaretastatur eingespart. Das Format des ursprünglichen iPhones mit 3,5 Zoll war in der Hinsicht ein guter Kompromiß zwischen Mobilität, nötiger Bildschirmgröße und am Anfang auch der technischen Machbarkeit.

Dass anfangs kaum einer nach größeren Bildschirmen verlangte, lag aber auch daran, dass die Nutzer sich in dieser neue Welt erst einmal einleben mussten. Heutzutage ist das Kommunikationsverhalten ein ganz anderes als im Jahre 2007. Hinzu kommt, dass das mobile Internet heute schneller und günstiger ist. Damit steigt die Nutzungsdauer und es wächst folglich auch der Wunsch nach größeren Bildschirmen. Das bisherige Format kam aus der Mode, weil es bei längerer Nutzung anstrengend für die Augen ist. Seither gehen die Mobilgeräte wieder in die Größe.

Handys werden wieder größer

Während sich andere Hersteller schon seit einiger Zeit mit immer größeren Geräten gegenseitig übertrumpfen, zierte sich Apple einige Zeit und machte mit dem iPhone 5 zunächst nur ein Zugeständnis an die Höhe. Mit dem neuen iPhone 6 und dem iPhone 6 Plus ist nun klar: Die Zukunft ist groß und größer. Der Sprung vom 4-Zoll-Bildschirm (5S) zum 4,7- (iPhone 6) bzw. 5,5-Zoll-Format (iPhone 6 Plus) ist gewaltig.

Wer künftig weiterhin an neuen Betriebssystemversionen, besseren Kameras, schnelleren Prozessoren und neuen Funktionen teilhaben möchte, muss für sich entscheiden, welches Format besser gefällt. Ich habe beide Formate einem einwöchigen Test im Alltag unterzogen.

Das Äußere

Das iPhone 6 liegt besser in der Hand als das iPhone 5S, weil es mit seinen Rundungen ein Handschmeichler im Stile der früheren 3G-Modelle ist, zugleich aber die Wertigkeit des Designs der danach folgenden Modelle beibehält. Die Mischung aus Gewicht (129 Gramm), Dicke (6,9 Millimeter) und Materialien (Glas, Metall) wirkt gut aufeinander abgestimmt. Das iPhone 6 bringt 17 Gramm mehr auf die Waage als sein Vorgänger, doch angesichts des gleichzeitigen Größenzuwachses macht sich das kaum bemerkbar. Alleine dadurch, dass das Gerät so dünn ist, wirkt es wie ein Fliegengewicht.

Das iPhone 6 Plus ist da schon ein anderes Kaliber: Neben dem größeren Format von 15,8 mal 7,78 Zentimetern wiegt es 172 Gramm. Es fühlt sich damit in jeder Hinsicht massiver in der Hand an.

Beim Display stellt sich rasch der Effekt ein, den schon Wechsler beim Übergang vom iPhone 4S auf das iPhone 5 festgestellt haben: Am Anfang wirkt die neue Größe etwas ungewohnt, doch nach einiger Zeit möchte man nicht mehr zurück. Beeindruckend ist die hohe Auflösung von 1334 mal 750 Pixeln beim iPhone 6 und 1920 mal 1080 beim iPhone 6 Plus.

Welches Format ist das Richtige?

Bei der Frage, welches Format für einen das richtige ist, sollte man sich vor allem davon leiten lassen, wie man das Gerät später transportieren möchte. Das iPhone 6 Plus sprengt jede Hemdtasche und es ist auch für die Jeans schon fast zu groß (wenngleich die Netzdebatte über die angeblich leichte Verbiegbarkeit in die Märchenwelt gehört). Die Freude über den großen Bildschirm geht folglich mit Kompromissen bei der Mobilität einher. Dafür ist der Bildschirm allerdings auch deutlich größer als jedes bisherige iPhone, was gerade Dauernutzer zu schätzen wissen.

Das iPhone 6 hat für mich hingegen genau das richtige Format. Es liefert ein Mehr an Bildschirm und kann trotzdem gut mitgenommen werden. Damit ist das, was vorher gut war, rückblickend nicht schlecht geworden. Es ist einfach nur folgerichtig, dass Apple diesen Weg, der mit dem iPhone 5 begonnen wurde, weiter gegangen ist.

Dass Apple trotzdem beide Formate auf den Markt gebracht hat, ist damit zu erklären, dass das 5,5-Zoll-Format eher als das iPhone 6 als Hybrid zwischen Smartphone und Tablet bezeichnet werden kann. Damit dürfte es jenen Nutzern entgegenkommen, denen ein Tablet zu groß ist, die aber mit dem Smartphone so intensiv arbeiten, dass sie ein möglichst großes Display benötigen. Apple hat das Gerät softwareseitig deshalb auch mit der Fähigkeit ausgestattet, dass der Homescreen und viele System-Apps im Querformat genutzt werden können.

Beide Formate haben gemeinsam, dass die Ein-Hand-Bedienung an ihre Grenzen kommt. Apple hat zwar eine praktische Funktion eingebaut, die durch zweimaliges Antippen des Touch-ID-Sensors die obere Hälfte der Bildschirmanzeige nach unten schnellen lässt. Trotzdem reicht mein Daumen selbst dann manchmal nicht an den linken Bildschirmrand.

In wachsender Zahl unterstützen auch Dritt-Apps die neuen Größen, womit sich der Vorteil des neuen Formate zunehmend entfaltet. Alte Apps werden hochgezoomt, was beim iPhone 6 kaum, beim 6 Plus aber deutlich auffällt.

Das Innere

Die neuen Größen haben den angenehmen Nebeneffekt, dass die Akkus mehr Platz finden und entsprechend leistungsfähiger sind. Andererseits sind Bildschirme die größten Energieverbraucher bei Mobilgeräten, was den Zuwachs an Akkulaufzeit wieder etwas aufhebt.Besonders das iPhone 6 Plus hielt bei uns trotz hoher Beanspruchung locker zwei Tage ohne Aufladekabel durch.

Bei den Zuwächsen in der Prozessorleistung scheint hingegen allmählich der Gipfel erreicht zu sein. Für die hauptsächlich verwendeten Anwendungen war ohnehin kaum eine spürbare Steigerung zu erwarten, da die Apps bereits beim iPhone 5S sehr schnell und nahezu verzöge- rungsfrei liefen. Unterschiede sind hier nur bei sehr rechenintensiven Anwendungen zu spüren. Entscheidender dürfte ohnehin die Grafikleistung sein, die Apple stärker gesteigert hat. Hiervon sollten vor allem Spiele profitieren.

Positiv ist auch die Aufstockung des Speichers auf bis zu 128 Gigabyte, wobei damit allerdings indirekt eine Preiserhöhung einhergeht: Mit den 16 GB im Einstiegsmodell kommen Nutzer schnell an ihre Grenzen: Dafür sorgen schon HD-Videos und großformatige Fotomotive. Viele Käufer dürften damit auf ein Modell mit mehr Speicherplatz umschwenken, das teurer ist. Es wäre sicherlich sinnvoller gewesen, von der 16-32-64-Staffelung auf 32-64-128 umzuschwenken.

Die Kamera

Bei der Kamera sind gegenüber dem Vorgängermodell zwei Neuerungen erwähnenswert: Die eine ist der bessere Zeitlupenmodus für Videos. Der Unterschied zwischen bislang 120 (iPhone 5S) und jetzt 240 Bildern (iPhone 6) pro Sekunde fällt deutlich aus – dies ermöglicht grandiose Videos. Hilfreich ist auch der Einsatz so genannter Focus Pixel im neuen Modell, die den Fokus bei Videoaufnahmen ständig nachjustieren. Das iPhone 6 Plus verfügt über einen optischen Bildstabilisator. Im Ergebnis stellten wir jedoch keinen riesigen Unterschied fest, da beide Geräte sehr gute Fotos abliefern.

Fazit

Dass Apple einige seiner eisern geglaubten Standpunk te auf den Prüfstand gestellt hat, zeigt sich nicht nur bei der Größe, sondern auch bei der Software. In iOS 8 wurden ebenfalls einige festgeglaubte Zügel gelockert. Appentwickler können jetzt den Nut- zern Browser-Plug-Ins, Fotofilter, Widgets und Bildschirmtastaturen anbieten. Auch das Fingerabdrucksystem Touch ID wurde geöffnet und macht einiges einfacher.

Das Wagnis auf größere Formate zu setzen, scheint sich bislang auszuzahlen: Zehn Millionen Geräte wurden alleine am ersten Wochenende verkauft und die bisherigen Rekorde eingestellt. In der Größe – daran besteht nun kein Zweifel mehr – liegt die Zukunft.

Groß oder größer? Am Ende ist es also eine Frage des Formats.

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