Kommentar: Der Mac und die Unverschämtheit

Es wird dieser Tage viel geschimpft auf Apple. Und auf jene, die Apple in Schutz nehmen oder zumindest versuchen, Apple zu verstehen und zu vermitteln, was Apple macht. Auch im Apfelfunk Podcast bekommen wir dies zu spüren. Das böse Wort Fanboy steht im Raume. In mehreren Zuschriften wurde es verwendet. Mit anderen Worten: Die haben doch keine Ahnung, die reden eh alles schön. Die machen sich unglaubwürdig.

Stein des Anstoßes ist das Mac Event von Apple, das Ende Oktober stattfand und auf dem das neue MacBook Pro mit der Touch Bar im Mittelpunkt stand. Die Diskussion rankt sich aber nur vordergründig um den neuen Computer, dessen erste Tests noch ausstehen und der für sich genommen ein beeindruckendes Gerät zu sein scheint. Es geht eigentlich um Apples Mac-Strategie. Oder mehr noch: Was Apple in den letzten Monaten und Jahren veröffentlicht oder nicht veröffentlicht hat. Es herrscht kollektiver Frust.

In diesem Zusammenhang ist oft von Unverschämtheiten die Rede:

  • der Unverschämtheit der Preiserhöhungen bei den Neuvorstellungen.
  • der Unverschämtheit, den Nutzern der neuen MacBooks und des iPhone 7 Adapter aufzunötigen, um neue Anschlüsse (USB-C) durchzusetzen.
  • der Unverschämtheit, die Geräte noch dünner und leichter zu gestalten, anstatt mehr Raum für größere Akkus und mehr Leistung zu ermöglichen.

Über allem trohnt der Vorwurf, Apple würde es sich leicht machen.

Bei genauerer Betrachtung ist dieser Vorwurf Unfug: Würde Apple es sich leicht machen, hätte man einfach ein Baukastensystem auf den Markt geworfen und jeder könnte sich sein MacBook oder seinen Mac so zusammenbauen, wie er möchte. Zum Teil gewährt Apple diese Freiheiten, aber im wesentlichen nimmt der Hersteller seinen Käufern die Hardwareentscheidungen ab. Und das war es bislang eben auch, was viele Menschen an Apple so lieben. Das Abnehmen der Last, Entscheidungen zu treffen, gehört zu jener legendären Einfachheit, die Apple-Produkte ausmachen. Nicht nur die Software ist einfach zu bedienen. Es ist eben auch kinderleicht, ein solches Wunderprodukt zu kaufen. Man muss sich wenig bis gar keine Gedanken darüber machen, ob die Software flüssig läuft, denn dafür sorgt der Hersteller. Der Käufer kann quasi nichts falsch machen. Falls es die Hardware nach ein paar Jahren nicht mehr schafft, gibt es keine Software mehr dafür. So einfach ist das.

Entscheidungen

Genau dieser Segen wird für Apple in der jetzigen Debatte als Fluch ausgelegt. Die Nutzer – oder zumindest einige davon – sind zunehmend nicht mehr damit einverstanden, welche Hardwareentscheidungen Apple für sie trifft. Zu wenig RAM, zu lahme Prozessoren, falsche und zu wenig Anschlüsse: Die aufgezeigten Szenarien basieren, wenn man genauer darüber nachdenkt, auf Erfordernissen, die ein normaler Anwender bei heutiger Technik kaum haben wird. Professionelle Nutzer aber dafür umso mehr. Es geht also um professionelle Nutzer. Auch wenn sie eine Minderheit darstellen, hat ihr Wort Gewicht: Viele wissen sich über soziale Netzwerke, Blogs und Podcasts Gehör zu verschaffen. Die Pro-Nutzer haben eine hohe Bedeutung für Apple: Sie mögen nicht die Mehrheit ausmachen, aber sie sind gute Kunden, so genannte Early Adopter, die oft alles von Anfang an haben wollen. Ihre Euphorie ist ansteckend und verleitet andere, die Produkte ebenfalls zu kaufen. Und sie hielten Apple stets die Treue, auch als es nicht so gut um den Fortbestand der Firma bestellt war.

Für Apple wird es anscheinend zunehmend zur Zwickmühle, allen gerecht zu werden: Der Konzern hat sein Entscheidungsmonopol in den vergangenen Jahren schon erheblich aufgeweicht. Es gibt heute zum Beispiel iPhones in drei verschiedenen Größen und viele Farbvarianten. Am Anfang gab es ein iPhone und lediglich verschiedene Speicherausstattungen. Es gibt Menschen, denen ist diese Qual der Wahl schon zu viel. Es ist also nicht einfacher geworden, eher komplizierter. Generell hochgerüstete Macs würden die Preise weiter steigern, aber nur für einen Bruchteil der Käufer interessant sind. Also müsste Apple sein Baukastensystem erweitern. Noch mehr Qual der Wahl.

Überhaupt: Der Preis. Natürlich ist es ärgerlich, wenn das Gerät der Träume im vierstelligen Bereich liegt. Manch einer wird sich überlegen, ob er die Investition nicht sein lässt. Aber genau dieses Gefühl in Verbindung damit, es dann doch zu tun, ist es, was dem Käufer das Gefühl von Exklusivität vermittelt. Apple hat damit immer gespielt. Ein iPhone zu besitzen, ist halt auch exklusiver, als das Android-Phone vom Grabbeltisch zu kaufen.

Die Einsteiger

Auf der Strecke bleibt dabei eine weitere Kundengruppe: Die Einsteiger. Einfach mal einen Mac zum Hineinschnuppern kaufen. Oder ein Mac für den schmalen Geldbeutel – all das gibt es nicht, wenn ein iPad Pro oder ein MacBook Pro eine vierstellige Summe verschlingt. Zwar gibt es gebrauchte Geräte für den Einstieg, doch die Perspektive, bei einer Neuanschaffung sehr viel mehr Geld als für einen PC zahlen zu müssen, der womöglich noch mehr kann, wirkt auf den wankelmütigen Einsteiger abschreckend.

Apple macht es sich also nicht leicht: Der Konzern hat sich die schwere Pflicht aufgeladen, stets zu bestimmen, was für die Nutzer gut ist. Und sich gegen Nutzerinteressen zu entscheiden, auch wenn sie aus gegenwärtiger Sicht mehr als berechtigt sind. Immer wieder musste Apple dabei Kritik einstecken. Prominentes Beispiel ist der Wegfall des CD-Laufwerks beim Mac. Und es gibt noch diverse andere Beispiele: Der Wechsel zum Intel-Prozessor etwa. Weniger oder andere Anschlüsse. Und einiges mehr.

Das Risiko, daneben zu liegen, ist zweifellos vorhanden. Keiner kann behaupten, zu wissen, dass Apple seine Preise nicht irgendwann doch übersteuert. Oder dass es auf lange Sicht nicht ein Fehler ist, Pro-Nutzern und Einsteigern zu große Kompromisse abzuverlangen. Wir leben in Zeiten, in denen viele Märkte rückläufig sind: Tablets und Desktopcomputer gehören dazu.

Alternativen?

Zumindest den schimpfenden Pro-Nutzern hätte Apple den Wind aus den Segeln nehmen können, indem es etwa mit einem aktualisierten Mac Pro eine vernünftige Alternative gegeben hätte. Den Einsteigern hätte man das MacBook mit einer deutlichen Preissenkung schmackhafter machen können. Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend.

Das Herabsetzen der Preise für die Adapter ist eine sinnvolle Geste, um zu zeigen, dass man die Diskussionen ernst nimmt. Entschärfen wird es die brenzlige Stimmung aber kaum, von der wir alle noch gar nicht wissen, ob sie nicht doch nur ein Sturm im Wasserglas ist.

Anfang 2017 darf man frohen Mutes sein, dass der Ärger vielleicht verraucht, wenn Apple neue Intel-Prozessoren in seine Macs einbaut und bei der Gelegenheit nachjustiert. 2016 war kein ganz einfaches Jahr für Apple. Aber in diesem Jahr hat man mit dem iPhone SE bewiesen, dass man auf Nutzerwünsche durchaus reagiert. Wenn man sie für das Richtige hält.

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