iPad Pro 12,9 Zoll (2. Generation) im Test: Große Klasse 2.0

Ein Stück Hardware sollte eigentlich aufwendiger und komplizierter zu entwickeln sein als Software. So lautet eine verbreitete Annahme. Bei Apple scheint der Fall anders gelagert zu sein. Neue, gut funktionierende Hardware zu produzieren, scheint den Kaliforniern leichter zu fallen, als auch die passende Software dazu zu entwickeln. Bei der Apple Watch war das so: Käufer der ersten Stunde staunten nicht schlecht, welches Potenzial Softwareversion 3.0 nachträglich auf ihren Uhren freisetzte. Und beim iPad wird es mit der Freigabe der nächsten Betriebssystemversion iOS 11 bald ähnlich sein.

Dies vorausgeschickt, muss das iPad Pro 12,9 Zoll in seiner zweiten, neuen Version zweigeteilt betrachtet werden. Einerseits in seinem Auslieferungszustand mit der aktuellen Software, iOS 10. Und zum anderen mit der bald kommenden neuen Software, iOS 11, die es schon als öffentliche Betaversion gibt.  Ich habe beides getestet.

Die Hardware

Alleine vom Äußeren her hat sich das große iPad Pro kaum verändert. Während die darunter liegende Klasse von 9,7 auf 10,5 Zoll Bildschirmdiagonale aufgewachsen ist, hat es Apple beim großen Bruder beim alten Format belassen. Gut so, denn das große iPad Pro ist riesig. Der vom Smartphone bekannte Satz – größer geht es immer – gilt hier nicht. Das 12,9-Zoll-Gerät (2732 x 2048 Pixel) ist groß genug. Unter dem Stichpunkt Mobilität ist es schon hart an der Grenze. Der Rucksack zum Verstauen muss geräumig sein. Dafür passt viel auf diesen Bildschirm. Ganze DIN A4-Dokumente stellen kein Problem da. Und Netflix oder Amazon schauen ist damit einfach nur großartig. Vor allem im geschäftlichen Umfeld wird das große iPad Pro geliebt und ist entsprechend auch häufiger als bei Privatnutzern zu sehen.

Nach dem großen Aha-Effekt bei der Erstvorstellung vor zwei Jahren, ist die zweite Generation eher eine Weiterentwicklung unter der Haube. Der schnellere Prozessor (A10X Fusion, +30 Prozent lt. Apple), der noch rasantere Grafikchip (+40 Prozent Leistung lt. Apple) und bis zu 512 Gigabyte Speicher geben Pro-Anwendern das, was sie benötigen: Leistungsvermögen. Sichtbar werden die Verbesserungen vor allem über den Bildschirm. Dank ProMotion-Technik mit 120 Hertz flirrt nichts mehr beim Scrollen, sondern der Bildschirminhalt gleitet butterweich unter der Glasscheibe, als wenn einer oben an einem Stück bedrucktem Papier ziehen würde. Und dank des P3-Farbraums, gepaart mit 600 Nits Helligkeit, sehen Fotos so aus, als hätte sie jemand eiligst auf eine Glasplatte drucken lassen. Und Apple bekommt es irgendwie immer wieder hin, zehn Stunden Batterielaufzeit zu ermöglichen.

Die Rückseite des iPad Pro.

Das Zubehör

Und dann ist da natürlich das Pro-Zubehör, das Apple weiterhin gegen Aufpreis anbietet: Den Apple Pencil (109 Euro) als vielseitiger Eingabestift und das Smart Keyboard (189 Euro), das Frontabdeckung und Tastatur gleichermaßen ist. Mehr noch als beim 10,5-Zoll-Modell lässt sich damit gut arbeiten. Einziger deutlicher Unterschied zum Notebook ist, dass sich der Winkel des Displays zur Tastatur hier nicht verändern lässt. Und dass die Konstruktion wackeliger auf Beinen ist, als etwa ein MacBook. Dafür ist das Ensemble aber deutlich dünner und leichter. Das große iPad Pro alleine bringt nur 677 Gramm auf die Waage und ist knapp sieben Millimeter dünn.

Die Software

Wenn wir aber aus der ersten Generation der iPad Pro-Linie eines gelernt haben, dann dass die Software zur Umsetzung des Anspruchs, Notebooks und Computer zu ersetzen, auch eine wichtige Rolle spielt. Die Entwickler von Software dazu zu bewegen, aus den Pro-Möglichkeiten der Hardware etwas zu zaubern, erwies sich dabei noch als die kleinere Herausforderung. Vielmehr waren es die Anwender, die mit den Füßen abstimmten, und das aufgrund einiger Einschränkungen im Betriebssystem, die mit iOS 11 jetzt wegfallen.

Eine davon ist das Multitasking. Zwar gab es bislang schon in iOS Möglichkeiten, Apps parallel zu bedienen. In iOS 11 ist das aber weitreichender und flexibler möglich. Daten lassen sich einfach von A nach B per Drag und Drop verschieben. Das ging vorher genauso wenig wie der zentrale Zugriff auf die jeweiligen Datencontainer der Apps, der künftig mit der Dateien-App eingerichtet wird. Das Dock als Steuerzentrale kann in iOS 11 jetzt jederzeit von unten herbeigewischt werden. All das – werden Desktopanwender jetzt einwenden – ist auf dem stationären Rechner schon lange Standard. In der vereinfachten iOS-Welt waren das hingegen Wünsche für die Zukunft.

Wer sich also heute das neue iPad kauft und im September auf den Update-Button klickt, wird sein Gerät kaum noch wiedererkennen. Vieles in iOS 11 steht auch für ältere Modellgenerationen zur Verfügung. Aber entwickelt wurde das große Update – da besteht kein Zweifel – natürlich vor allem mit Blick auf die neue, aktuelle Generation.

Fazit

Für wen lohnt sich der Kauf des großen iPad Pro der zweiten Generation? Wer ein iPad eher im Büro- oder häuslichen Bereich nutzen möchte, um nicht. an einen Raum gebunden sein, und die Vorzüge eines großen Bildschirms schätzt, sollte definitiv einen Blick auf das iPad Pro werfen. Als Ersatz für das Notebook taugt das iPad Pro auch mit iOS 11 immer noch nur bedingt: Es hängt davon ab, wie der Anwender sein Gerät nutzt und welche Software er benötigt. Es gibt immer noch Anwendungsfälle, die sich auf einem iPad nicht darstellen lassen. Aber genauso gibt es immer mehr Dinge, die sich jetzt hierauf erledigen lassen. Besitzer des Vorgängermodells werden wohl eher die Finger von einem weiteren Neukauf lassen, sofern sie nicht eine der Verbesserungen bisher als fehlend empfunden haben.

Das Thema Notebook-Alternative ist auch deshalb überlegenswert, weil Apples iPad Pro-Linie in das Preissegment eines MacBooks hineinreicht. Alleine auf die Hardware bezogen bleibt es beim Fazit, das sich schon bei Generation 1 ziehen ließ: Die große Klasse bleibt große Klasse.

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