Silicon Learnings: Einfach machen

Der Vortrag von David Cohn von Advance war wirr, er war rasant – und er war beeindruckend. Cohn leitet den Media Incubator des mit 25.000 Mitarbeitern riesigen Medienkonzerns Advance, dem Dutzende Tageszeitungen in den USA gehören. In der Alpha Group werden Innovationen entworfen und ausprobiert. Warum lange darüber reden, was man eigentlich rasch online machen könnte? Warum machen es Medienhäuser nicht einfach? Und wenn es scheitert, stellen sie es halt einfach wieder ein. Wer sich nicht teuren Experten mit teurer Software unterwirft, kann Projekte wie Meinungsplattformen, spezialisierte Videoportale und Chatbots für kleines Geld selbst auf den Weg bringen. Das ist ja gerade der Reiz des Netzes. Jeder kann dort einfach machen. So beginnen fast alle diese Erfolgsgeschichten. Es braucht keine riesige Infrastruktur, kein riesiges Budget und bedarf schon gar nicht tausender Leute. All das kommt erst, wenn sich der Erfolg einstellt. Und damit fangen die Probleme dann meist erst an.

AirBnB hat in seinem Hauptquartier in San Francisco einige typische Wohnungen nachgebildet. (Foto: mk)

Beeindruckende Größe

Wie zum Beispiel bei Facebook. Der Social-Media-Gigant mit Milliarden Nutzern hat mitten in das Nirgendwo von Menlo Park, am Rande eines ausgetrockneten salzigen Sees ein Monstergebäude hingestellt. Tausende Menschen arbeiten darin. Und obendrauf befindet sich ein Park, so groß wie ein Stadtwald, dessen Umrundung 30 Minuten dauert. Mitarbeiter halten dort so genannte Walking Meetings ab. Klingt toll, aber ist es das auch? Wer erstmal an Größe gewonnen hat, muss nicht nur bei den Produkten innovativ sein. Er muss auch sehr einfallsreich sein, wie er sich und die Massen an Entwicklern und Ingenieuren organisiert, damit es gut weitergeht.

Die Reise nach San Francisco und das Silicon Valley, die 30 Journalisten Ende September/Anfang Oktober im Rahmen des Digital Journalism Fellowships (DJF) unternahmen, schloss sich an den Besuch in New York an, wo vor allem klassische Medien und Start-Ups, die daran anknüpfen im Fokus standen. Im Westen, der Wiege der Tech-Start-Ups, ging es nun um Unternehmenskulturen bei den großen Namen wie Facebook, Instagram, Dropbox & Co., zugleich aber auch um aktuelle Trends und schlichtweg um die Suche nach Inspiration, um in der Heimat, in Deutschland, den Medienhäusern etwas von dem sagenumwobenen Spirit mitzubringen, der das Valley und die Bay Area als nahezu unerschöpflicher Treibstoff anfeuert.

Blick in das MPK 21: Das neue Bürogebäude von Facebook in Menlo Park. (Foto: mk)

Alle kochen nur mit Wasser

Die Erkenntnis, die ich mitgenommen habe, ist, dass die Firmen dort am Ende aber auch nur mit Wasser und einfachen Rezepten kochen. Zwar erfreut einen die Sonne Kaliforniens permanent (wenn man ausblenden kann, dass unter einem eines der riskantesten Erdbebengebiete der Welt liegt). Aber was das Valley ausmacht, ist vor allem eine gesteigerte Form des amerikanischen Way Of Life. Scheitern ist eingepreist. „Mache Fehler, aber nie zweimal“, sagte uns ein prominenter Fürsprecher dieser Gegend, der wie viele Gesprächspartner nicht namentlich zitiert werden möchte. Das Valley ist obendrein sehr fokussiert, weil es ziemlich abgeschottet von der Außenwelt und ihren Problemen agiert. Dabei ist die andere Welt, die so überhaupt nicht den verspielten, schönen Bildern in den sozialen Netzwerken entspricht, direkt vor der Haustür. Etwa in San Francisco mit der wachsenden Zahl von Obdachlosen, die zum Beispiel am Abend und nachts das Bild in der Market Street bestimmen, in der Twitter und Uber ihre Konzernzentralen haben. Das Valley ist auch eine ziemlich ignorante Gegend. Wer es wagt, über den Tellerrand zu schauen, sieht eine andere, in ihrer wachsenden Ungleichheit und steigenden Lebenskosten vor sich hin brodelnde Welt. Vielleicht ist es das Leben mit der permanenten Erdbebengefahr, die einen so werden lässt.

Der Newsroom des San Francisco Chronicle. (Foto: mk)

Die angenehme Ausnahme erlebten wir ausgerechnet bei einem klassischen Medium, der von vielen totgesagten Tageszeitung. Der San Francisco Chronicle behauptet sich laut seiner couragierten Chefredakteurin. Dabei sieht Amerikas Presselandschaft aus wie einer jener imposanten Alpengletscher, die würdelos kaputt schmelzen. Jahrzehntelange Tradition als Opfer globaler Entwicklungen, ohne dass sich so recht eine Weiterentwicklung oder Alternative aufdrängt. Beim Chronicle sieht es noch sehr nach den Blütezeiten der 1980-er-Jahre aus, mit einem Newsroom voller Redakteure und Papierbergen, aber das Digitale nehme an Fahrt auf. Ambitionierte Ziele, rigorose Trainings – hier steckt zumindest keiner den Kopf in den Sand, wenngleich der Blick auf das Valley und die Bay Area wohltuend kritisch und differenziert ist.

Wo geht die Reise hin?

Der Autor in San Francisco

Es gehen einem als Journalisten nach dieser Reise viele Gedanken durch den Kopf. Wie es für die klassischen Medien weitergehen soll – dass sich nicht nur die Frage stellt, was der Nutzer will, sondern ob er überhaupt will. Und dann kommt der eingangs erwähnte David Cohn, der wie ein Wasserfall redet und einem diese schrägen Folien zeigt. Der einen begeistert, inspiriert, packt – mit dieser einfachen Geschichte vom einfach Ausprobieren. Nicht lange nachdenken, schlichtweg machen. Was für ein wunderbar einfacher und in der Realität doch oft kaum umsetzbarer Rat.

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